Die DNA einer Frau

Natürlich war es nicht allein ihr Körper, den Leo an Sophie liebte. Es war alles, was sie sagte, wie sie es sagte, wie sie roch, wie sie ihren Kaffee umrührte und die geschwungenen Augenbrauen manchmal hochzog; es war ihre Art zu Gehen und das Rascheln ihrer Sachen, ihr Augenaufschlag und jede ihrer jungen Falten. Er verspürte ein unstillbares Verlangen nach ihrem Körper. Nicht nur ein wollüstiges, hingebungsvolles, sondern ein ganz reales, wie man atmen oder essen muss. Er hatte sich sagen lassen, wie albern es sei, daran zu glauben, dass es genau einen Menschen irgendwo gäbe, mit dem man glücklich sein kann, dass jeder irgendwo sein Gegenstück habe, seine zweite Hälfte, die in der Wirrnis des Menschwerdens abhanden gekommen ist. Aber er spürte, dass er ohne Sophie nicht leben wollte, dass ein Leben ohne sie ganz anders verlaufen würde, als er es sich wünschte. So wie man zwar beinahe in jeder Umgebung irgendwie überleben kann, aber nur ganz selten einen Platz findet, den man Heimat nennt.
Kann man es den Männern vorwerfen, dass sie insgeheim den Frauenkörper vor Augen haben, wenn sie von Liebe sprechen? Ist ihre Liebe deshalb weniger aufrichtig oder tief? Im Begehren ist alles an Liebe und Bestaunen, an Sehnsucht, Fürsorge und Hingabe verborgen, wozu ein Mann fähig ist. Ganz so, als ob es doch an diesem einen Herzschlag hinge, bei dem sich alles entscheidet.

Leonard Bergh: Die Geliebte